Dr. Philip Scherenberg und Verena Lauffs: Mentoring-Initiativen im Finanzierungsdilemma

Foto von Dr. Philip Scherenberg Die Komplizen Mentoring für Schüler gGmbH
Dr. Philip Scherenberg

Nichteinmal einen Monat nach dem letzten Beitrag von Wolf Frey zum Mentoringland Deutschland freuen wir uns über die Beteiligung von Dr. Philip Scherenberg und Verena Lauffs von Die Komplizen: Mentoring für Schüler gGmbH. Dieses Mal geht es um ein Thema, welches wohl unmittelbar jede Initiative betrifft: Die Finanzierung.

Mentoring-Initiativen im Finanzierungsdilemma

In seinem Beitrag vom 4.7. schreibt Wolf Frey, dass Mentoring „Konjunktur“ hat. Das ist richtig: mehr denn je brauchen Kinder und Jugendliche individuelle Begleitung und Beratung in Fragen der Persönlichkeitsentwicklung und Berufsorientierung. Der Bedarf ist also da und wird in der heutigen, sich rasant verändernden technologischen und globalisierten Welt weiterhin steigen. Viele Mentoring-Konzepte, wie das von „Arbeiterkind“ oder „Rock Your Life“ erfreuen sich großen Zustroms und wollen weiter wachsen. Das gleiche gilt für unser „Komplizen-Programm“, das wir seit 2009 mit exzellenten Ergebnissen und nachhaltiger Wirkung an öffentlichen Gymnasien und Gesamtschulen bundesweit durchführen. Als dauerhafter Erfolgsgarant ist jedoch eine solide Finanzierung unverzichtbar.

Skalierung unmöglich

Fakt ist: Die Landesregierungen und die Bundesagentur für Arbeit stellt einen wachsenden Bedarf an Berufsorientierung – auch für Gymnasiasten – fest. Das Komplizen-Programm funktioniert deshalb so gut, weil wir es an vielen Standorten bundesweit gleich anbieten. Unsere Materialien, unser Design, unsere Website, die Online-Redaktion, die verschiedenen Module, die Mentorengewinnung, die Ausbildung und Betreuung der Teilnehmenden folgt einem durchdachten, ausgeklügelten Konzept. Durch die Skalierung des einmal erstellten Konzepts wird das Programm wesentlich günstiger, als wenn es für jeden Standort neu erfunden und die Konzeption sowie der Test bezahlt werden muss. Obwohl also nachweislich ein so wirksames und günstiges, unsere Schulen, Sozialsysteme, Hochschulen, Ausbildungsbetriebe entlastendes Instrument geschaffen wurde (unter erheblichem persönlichem ehrenamtlichen Einsatz von hunderten Mentoren, Helfern sowie des Komplizen-Teams) ist es eigentlich nicht möglich, ein solches Projekt zu verstetigen und finanziell auf sichere Beine zu stellen. Dabei werden die Probleme des Föderalismus sichtbar: in jedem Bundesland gibt es eigene Förderbestimmungen mit jeweils neuen Antragsverfahren. Eine Skalierung der Förderungssystematiken ist also nicht möglich.

Finanzierungs-Flickenteppich

So muss an jedem Standort eines Komplizen-Programms für jedes Projekt eine eigene Finanzierung zusammengestellt werden. Übliche Finanzierungspartner sind die Agenturen für Arbeit, die Kommunen, die Kultusministerien der Länder, der Europäische Sozialfonds (ESF) und – da meist noch Eigenmittel vorausgesetzt werden – auch Stiftungen und Sponsoren. Wir haben also pro Standort ca. fünf potenzielle Finanzierungspartner anzusprechen, die wir, bevor es überhaupt zu einer Antragstellung kommt, mit ihren jeweiligen Schwerpunkten und Gremien überzeugt haben müssen. Dort, wo es sich nicht aus den öffentlichen Förderstrukturen ergibt, müssen wir ein Vielfaches mehr an Unternehmen, Stiftungen und Organisationen ansprechen, bevor eine Zusammenarbeit entsteht. Man kann sich gewiss vorstellen, wie langwierig und komplex die Verhandlungen sind, bis sich alle beteiligten Akteure auf ein Programm geeinigt haben – und das so strukturiert ist, dass aus jedem Töpflein tatsächlich Mittel zur Verfügung gestellt werden können! Da stellt sich die Frage, wer überhaupt in solchen Förder-Schemata innovative Projekte beantragen, durchführen und abrechnen und zugleich noch das volle unternehmerische Gelingensrisiko tragen kann – ohne Renditehoffnung für den Fall eines Erfolgs? Anerkannte Träger der Jugendhilfe, kommunale oder staatliche Einrichtungen, Jugendverbände sowie Mitglieder der Wohlfahrtsverbände können sich vielleicht solche Investitionen leisten, jedoch mangelt es dort – zumindest was unseren Bereich der beruflichen Orientierung an Gymnasien betrifft – seit Jahrzehnten an neuen, innovativen Impulsen und schlanken Strukturen.

Wege aus dem Dilemma

Unser oberstes Ziel ist es, das Programm möglichst vielen Schülern an Gymnasien und Gesamtschulen zugänglich zu machen, damit sie einen Beruf finden, der zu ihnen passt – kostenfrei, um allen Jugendlichen unabhängig von Elternhaus und Einkommen eine Teilnahme zu ermöglichen. Unsere Empfehlungen sind folgende:

1. Zusammenarbeit mit den Agenturen für Arbeit ausbauen und Schulpartnerschaften verstetigen

Die Zusammenarbeit mit den lokalen Agenturen für Arbeit könnte noch erfolgreicher laufen, wenn wir unsere Programmansätze verzahnten. Optimalerweise käme so ein am Komplizen-Programm teilnehmender Schüler umfassend vorbereitet zum Orientierungsgespräch ins BiZ oder würde bei Bedarf vom jeweiligen Mentor begleitet.
Eine solche, noch engere Partnerschaft zwischen den Komplizen und den Agenturen für Arbeit wäre als echte „vertiefte Maßnahme“ ein enormer Gewinn für die Schüler.
Gleichzeitig wäre eine Verstetigung der Schulpartnerschaften für die Jugendlichen, die Lehrer, die Eltern und nicht zuletzt auch für die lokalen Unternehmen und die Mentoren ein einfacher Hebel, um Berufsorientierung als verlässliche, kontinuierliche und zeitgemäße Maßnahme zu etablieren – als „Bildungsbündnis“ vor Ort und Keimzelle der von Bundeskanzlerin Merkel titulierten „Bildungsrepublik Deutschland.“ Diese Verstetigung setzt allerdings eine pragmatische Lösung des Finanzierungsproblems voraus.

2. Aufmerksamkeit auf Orientierungsbedarf aller Schüler lenken

Die Unterscheidung zwischen Schüler an Hauptschulen, Realschulen, Gesamtschulen und Gymnasien wird zunehmend schwammiger. Die Indikatoren: Viele Lehrberufe sind nur mit Abitur erreichbar, der Trend zum „dualen Studium“ nimmt zu, Fachhochschulen und Universitäten sind nach der Bologna-Reform kaum noch voneinander zu unterscheiden. Die Abbruchquoten von Abiturienten in der Ausbildung und im Studium sind vergleichbar mit denen von Real- und Hauptschülern. Folglich sollten alle Jugendliche mit Unterstützungsbedarf bei der Berufsorientierung diese auch erhalten – unabhängig vom besuchten Schultyp.

3. Fördertöpfe auf alle Schüler ausweiten

Gesetzliche Regelungen im Bereich „berufliche Bildung“ sind nicht mehr zeitgemäß. Zur Zeit gibt es unter den bundesweiten Förderprogrammen zur Berufsorientierung kein einziges, das sich explizit an Realschüler oder Gymnasiasten richtet. Sind angehende Akademiker nicht „vor-beruflich“ zu bilden? Werden sie später keine „Berufe“ ergreifen? Gleichzeitig holen viele Realschüler ihren Abschluss nach und verschaffen sich Zugang zu den Hochschulen. Diese Entwicklung sollte künftig bei Ausrichtung von Fördertöpfen berücksichtigt werden im Sinne einer „Berufs- und Studienorientierung“ für alle Jugendlichen.

4. Finanzierungswege für bundesweit tätige Initiativen finden

Die Komplizen sind ein „Zukunftsprojekt“! Um unsere erfolgreich pilotierte Arbeit fortsetzen zu können und in die Breite zu tragen, brauchen wir veränderte Rahmenbedingungen, die bundesweite Maßnahmen zulassen. Denn obwohl wir ein nachweislich sehr wirksames und günstiges Angebot geschaffen haben, ist es nicht möglich, ein solches Projekt zu verstetigen. Wir wünschen uns, dass die Bestimmungen und Zuständigkeiten im „Übergang Schule – Beruf“ überprüft werden und das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern gelockert wird. Ziel muss es sein, bundesweit erfolgreiche Initiativen, die durch Mobilisierung von Ehrenamt und vergleichbar kostengünstige Strukturen einen sichtbaren Mehrwert für Jugendliche im Übergangsbereich schaffen, auch bundesweit fördern zu können.

Nach vorne schauen

Als Mitglied der „Allianz für Bildung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, als anerkannter Träger der Arbeitsförderung durch das AZAV-Siegel des TÜV Süd und als vielfache Preisträger u.a. von „Deutschland. Land der Ideen“ oder der „aktion zusammenwachsen“, sind die Komplizen in der Bildungslandschaft hinreichend bekannt und vernetzt. In Gesprächen mit bildungspolitischen Entscheidern in Bundes- und Landesministerien und Bundestag haben wir immer wieder auf oben skizzierte Problematik hingewiesen – und werden es auch weiter tun.

In der Zwischenzeit schlagen wir neue Wege ein: so freuen wir uns über das zunehmende Interesse von Privatschulen und Internaten, mit Unterstützung der Komplizen ihre Maßnahmen zur Berufsorientierung zu prüfen und zu optimieren. Auch soll im Herbst unser neues Format, das „O-Camp“ zur Berufsorientierung starten: in der Woche vom 26.10.-1.11.2014 können Schüler zwischen 16-19 Jahren in Seminaren durch Interessentest, Potenzialanalyse, individuellem Maßnahmenplan sowie Unternehmensbesichtigungen ihr Berufsprofil erarbeiten. Mit spannenden Vorträgen und gemeinsamen Ausflügen zu politischen und kulturellen Einrichtungen werden die Teilnehmer ein vielseitiges Programm durchlaufen. Das O-Camp wird von unserem Mentoring-Netzwerk mitgestaltet. Ebenso haben Eltern die Möglichkeit, sich im Rahmen des „Eltern O-Camp“ in einem Wochenend-Seminar bei uns auf der Praterinsel in München zu Mentoren ausbilden zu lassen. So können sie ihre Kinder noch gezielter und effektiver in ihrem Berufsorientierungsprozess begleiten.

www.die-komplizen.org
www.o-camp.org

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